SELFIES UND SCHWARZ GEKLEIDETE MENSCHEN
Nach einer fast vierzehn stündigen Reise stehe ich also da, auf der Fuxing Road, mitten im französischen Viertel. Während der Taxifahrt dorthin versuche ich immer wieder einen Blick auf die Skyline zu erhaschen. Es herrschen sommerliche Temperaturen und auf den Straßen spielt sich das Leben ab. Die Laternen, es ist schon spät, lassen die Allee in einem gelben Licht erstrahlen und überall riecht es nach Köstlichkeiten. Trotz Erschöpfung überkommt mich plötzlich ein Gefühl von Aufregung und Neugier. Ich bin angekommen.
Mit etwa 23 Millionen Einwohnern zählt die Metropolregion Schanghai zu den größten der Welt. Die Dimensionen werden einem jedoch erst vor Ort bewusst. Die ‚Idee Auslandssemester‘ bestand schon länger und ursprünglich wollte ich nach Kopenhagen, doch plötzlich wuchs in mir der Wunsch, etwas komplett neues erleben und sehen zu wollen, ganz nach dem Motto: Je weiter, desto besser. Skandinavien hat sich in der Designwelt bereits etabliert. China dagegen wächst seit Jahren und entwickelt dabei ein immer größeres Verständnis für Design Eduction. Einer der Kernfragen dabei lautet, wie man aus dieser Entwicklung Vorteile ziehen kann. Von ‚Made in‘ hin zu ‚Designed in China‘.
Am Abend nach meiner Ankunft machte mich auf den Weg zum Bund, der Kiellinie Shanghais sozusagen. Meine erste Fahrt mit der Metro ließ mich dabei nur erahnen, wie viele Menschen hier wohl leben mögen. Von der East Nanjing Road aus, eine der imposantesten Einkaufsstraßen weltweit, ist es nur noch ein fünf minütiger Marsch zum Ufer des Huangpu Rivers. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Die Straßen sind überfüllt und an jeder Ecke steht ein Verkehrswächter und pfeift sich das Leib aus der Seel, um die Menschenmasse einigermaßen geordnet zu halten.
Gewohnt habe ich in einer international 4er WG im sogenannten Rainbow City, einem beliebten Komplex, bestehend aus mehreren, 40-stöckigen Wohnhäusern. In unmittelbarer Nähe befindet sich hier alles was das Herz begehrt und auch die nächste Metro Station ist nur einen Katzensprung entfernt. Ein wahrer Segen, wie sich im nachhinein herausstellte.
Das College of Design & Innovation ist mit seinen knapp 500 Studierenden etwa genau so groß wie die Muthesius Kunsthochschule, und Teil der Tongji University, einem der führenden Universitäten des Landes. Der Campus ist, wie nicht anders zu erwarten, gewaltig. Neben den einzelnen Fakultäten gibt es ein Krankenhaus sowie etliche Geschäfte, eine Bibliothek, Studentenwohnheime sowie zwei große Kantinen. Nach den Vorlesungen trifft man sich zum Sport, entweder im Hallenbad oder auf einem der Sportplätze.
Ich besuchte unterschiedliche Kurse. Oft geht es um Themen wie Research und Nachhaltigkeit. Es gibt aber auch traditionelle Klassen wie Traditional Painting, Meditation sowie einen Sculpture Course. Zusätzlich hatte ich vier Stunden die Woche Chinesisch. Außerdem wurden regelmäßig Top Leute aus den verschiedensten Bereichen eingeladen, wie zum Beispiel der Erfinder von Angry Birds, der CEO von Intel, aber auch Giorgio Giugiaro, der Designer vom Zurück in die Zukunft Auto und Tadao Ando, der berühmte japanische Architekt.
Neben der Uni gibt es natürlich viel zu entdecken. Ich besuchte Ausstellungen, Konzerte, probierte die unterschiedlichen Regionen der chinesischen Küche aus oder ging mit meinen Mitbewohnern zur Body Massage (Shanghai ist übrigens bekannt für seine Fußmassagen). Weiterhin bin ich viel gereist. Mein Highlight: die Reise nach Huangshan. Die Yellow Mountains zählen zu den fünf berühmtesten Gebirgen Chinas und waren Vorbild für die Hallelujah-Berge im Film Avatar.
Ich war also am zweiten Abend nach meiner Ankunft auf dem Weg zum Bund, um die endlich die Skyline zu besichtigen. Am Wasser angekommen, stockte mir der Atem, denn auf der anderen Seite leuchtete Pudong, ein neugeschaffener Stadtbezirk, in allen möglichen Farben. Die Spitze des Shanghai Towers, des zweithöchsten Gebäudes der Welt, schwirrte dabei in einem lilafarbenen Gemisch aus Wolken und Smog, die unzähligen Lichter spiegelten sich auf dem Huangpu River und sorgten für eine atemberaubende Kulisse.
Allerdings nur bis 22:00 Uhr. Dann gehen nämlich die Lichter aus. Um Strom zu sparen.
Ozan TÜRKYILMAZ, BA KoDe/Fotografie, 5. Semester









